Weltfrauentag 2026: Wie ich aufgehört habe, mich klein zu machen
Heute ist Weltfrauentag. Und jedes Jahr habe ich ambivalente Gefühle dazu. Einerseits feiere ich, dass es diesen Tag überhaupt gibt. Dass wir sichtbar machen, was lange unsichtbar war. Dass wir über Gleichberechtigung sprechen, über Chancen, über Strukturen, über Rollenbilder, über Macht. Und gleichzeitig frage ich mich: Warum braucht es diesen Tag eigentlich immer noch?
Wie ich zum Feminismus kam
Heute, bloß in 2019 war ich bei einem Gespräch mit Alice Schwarzer. Das war nicht der Anfang meines Interesses für Feminismus, sonst wäre ich da gar nicht hingegangen. Den richtigen Anfang kann ich gar nicht mehr klar erinnern. Auf jeden Fall war dieser Tag ein sehr wichtiges Erlebnis auf meiner Reise.
Bei dem Gespräch sagte sie damals einen Satz, der mir hängen geblieben ist:
„Ein einziger Frauentag im Jahr erscheint ja schon sehr gönnerhaft in unserer patriarchalen Gesellschaft. Wie wäre es, wenn wir stattdessen 365 MENSCHENTAGE feiern würden? Da gehören Frauen schließlich auch dazu.“
Das ist für mich, was Feminismus ausmacht. Wir möchten nicht besser, größer, toller sein als Männer – wir wollen nur gleich gerecht wie sie behandelt werden.
Auch wenn ich nicht zu 100 % mit den Ansichten von Alice Schwarzer übereinstimme, kann ich nur sagen: Sie ist eine starke, humorvolle und aktive Frau, die unfassbar viel für die heutige Position von Frauen in unserer Gesellschaft getan hat. Vielen Dank dafür.


Ich bin generell gegen Schubladendenken, gegen „entweder oder“ und gegen eine Unterscheidung zwischen „die da“ und „wir“. Daher habe ich mich entschieden, einen Blick auf mich selbst zu werfen. Auf meine Entwicklung in den letzten 10 Jahren und was sich seitdem verändert hat – auch in feministischer Hinsicht.
Denn wenn ich auf Sandra 2019 zurückblicke, dann sehe ich bereits Fortschritte, die mir auf meinem Weg zum heutigen „ich“ sehr geholfen habe. Wenn ich einen Wendepunkt zwischen der „alten“ und der „neuen“ Sandra setzen müsste, würde ich 2016 als das letzte Jahr der alten Sandra nennen. Und dazwischen liegen zehn Jahre Wachstum.
In dieser Zeit hab ich so unfassbar viel gelernt. Über mich, über die Welt, über die Gesellschaft, über das Leben und alles was mir sonst noch wichtig ist. Ich hätte es nicht gedacht, dass ich dieser Mensch sein kann, der ich heute bin. Und ich freue mich jetzt schon massiv auf den Menschen, der ich in 10 Jahren sein werde. Mich mit Themen wie Finanzen, Feminismus, Rassismus, Selbstständigkeit zu beschäftigen hat mich zu Ansichten und Einsichten gebracht, die mich heute als Mensch ausmachen. Das ist ein richtig spannendes Thema, aber fangen wir mal von vorne an.
2016: Ich dachte, ich müsse mir meinen Wert verdienen
2016 war ich fest davon überzeugt, dass ich nicht reich. Dass ich nicht genug bin. Dass ich härter arbeiten muss, mehr leisten, mehr geben, mehr aushalten. Ich habe gedacht, meinen Wert muss ich verdienen und geglaubt, Anerkennung sei etwas, das man sich permanent neu erkämpfen muss. Ich habe nicht bewusst gedacht: „Ich bin weniger wert.“ Aber ich habe so gehandelt. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse hintenangestellt, Erwartungen anderer erfüllt, funktioniert. Ich habe mich angepasst, statt Position zu beziehen. Konflikte habe ich lieber vermieden, als sie auszutragen.
Selbstbewusstsein? Nie davon gehört. Das passt nicht zu mir.
Heute erkenne ich, wie sehr dieses Muster auch gesellschaftlich geprägt ist. Viele Frauen wachsen mit der Botschaft auf, dass sie freundlich, hilfsbereit, angepasst und fleißig sein sollen. Dass sie leisten müssen, um akzeptiert zu werden. Dass sie dankbar sein sollen für Chancen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.
Feminismus beginnt für mich heute genau an dieser Stelle: Bei der inneren Erlaubnis, den eigenen Wert nicht mehr beweisen zu müssen.
Ich habe mir von jedem alles sagen lassen und nannte das „normal“. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir 2016 von vielen Menschen sagen lassen, wie Dinge zu laufen haben. Was vernünftig ist. Was man halt so macht. Was man halt auch nicht macht. Ich habe Erwartungen erfüllt, statt meine eigenen Maßstäbe zu definieren. Und ich habe lange nicht gemerkt, wie sehr ich mich damit sabotiere. Ich war nicht der Mensch der sich sein wollte und ich dachte, ich hätte kein Anrecht darauf, so zu sein wie ich will. Sonst mag mich doch niemand mehr…
Heute akzeptiere ich nicht mehr, dass mich jemand kleinmacht, ausnutzt oder niederredet. Nicht, weil ich plötzlich laut oder aggressiv geworden bin, sondern weil ich klar geworden bin. Darüber, was ich will und vor allem auch darüber, was ich nicht mehr will. Ich habe gelernt, dass Grenzen nichts mit Egoismus zu tun haben, sondern mit Selbstachtung.

Ich sage manchmal scherzhaft, ich hätte „Eier aus Stahl“ bekommen. In Wahrheit ist es etwas anderes: Ich habe gelernt, Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Und dazu gehört auch, unbequem zu sein, wenn es nötig ist.
Meine Träume waren da – aber ich habe sie nicht ernst genommen. Ich wollte reisen. Nach Hawaii. Nach Island. Ich wollte großartige Konzerte erleben. Sooo viele Bands live sehen, die ich schon seit Jahren feiere. Ich wollte meine Fotos ausstellen. In richtigen Galerien, wo andere Menschen sich das auch wirklich anschauen. Ich hatte diese Träume. Aber ich habe sie nicht ausgesprochen und nicht nach ihnen gelebt. Als wären sie zu groß für mich.
Heute weiß ich: Wenn ich etwas will, darf ich es wollen. Punkt. Ich muss es nicht rechtfertigen. Ich muss es nicht kleinreden. Und ich muss mich auch nicht entschuldigen, wenn ich ambitioniert bin. Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Es ist ein Prozess.
Der Wendepunkt
Ich glaube meine Entwicklung begann mit einer Wohnung. Die Entscheidung, eine Wohnung zu kaufen, war überhaupt kein Problem. Komplett easy. Das danach war die Katastrophe. Ich hab mir schlaflose Nächte bereitet. Ich hatte Angst, mich zu übernehmen, obwohl ich es gut duchgerechnet habe (Frauen können schließlich kein Mathe, oder?). Ich hatte riesige Angst, die falsche Entscheidung getroffen zu haben und Angst, zu scheitern. Träume vom Insolvenzverwalter, der mir überall den Kuckuck klebt. Fun Fact: Der macht sowas gar nicht, da müsste n Gerichtsvollzieher kommen 😂
Aber ich habe es ja schon gemacht. Für einen Rückzieher war es zu spät, der Vertrag war unterschrieben.
Und rückblickend war genau das der Moment, an dem sich mein Verhältnis zu Geld grundlegend verändert hat. Ich habe angefangen, mich intensiv mit Finanzen zu beschäftigen – jetzt, nachdem es „zu spät“ war und die Wohnung schon gekauft war. Ich habe gelernt, wie ich mehr Geld verdiene. Wie ich es spare. Wie ich es investiere. Wie ich es vermehre. Heute habe ich einen klaren Plan. Ich weiß, wo ich hinwill. Und ja, ich sage das bewusst: Ich werde Millionärin. Leider nicht gleich morgen, aber – sofern mir eine ausreichende Zeitspanne an Lebenszeit verbleibt – noch in diesem Leben. Warum ich das überhaupt anstrebe, kann ich mit einem einfachen kleinen Wort erklären: Freiheit.
Für mich ist finanzielle Bildung und vor allem das Umsetzen des Wissens pure Selbstbestimmung. Und Selbstbestimmung ist zutiefst feministisch. Denn wer wirtschaftlich unabhängig ist, trifft Entscheidungen anders. Mutiger, freier und klarer. Unbeeinflusst von dem, was der Partnermensch dazu sagen könnte, wenn ich X Euro für etwas dessen Sinn nur ich erkenne, ausgeben möchte.
Was sich in diesen zehn Jahren wirklich verändert hat, ist mein Handeln. Ich habe meine Komfortzone mehrfach verlassen. Ich habe Weiterbildungen gemacht. Ich habe investiert in Wissen, in Entwicklung und in mich. Ich habe Vorträge gehalten. Ich habe meine Bilder ausgestellt. Ich war in Island einen Roadtrip machen (YES! Endlich!).
Natürlich hab ich nicht alle meine Ziele erreicht. 2016 hätte es das alles niemals gegeben. Fotografie war schon immer meine Leidenschaft, aber dass sie so erfolgreich wird wie heute, hätte ich mir nie zugetraut. Und doch ist genau das passiert. Vor Menschen zu sprechen hätte ich mir nie zugetraut. Meine Vorträge sind ein voller Erfolg. Es gab sogar schon Wartelisten wegen zu vielen Leuten, die teilnehmen wollten.
Erfolg kommt vom Tun. Das ist kein Kalenderspruch. Das ist meine Erfahrung.
Weltfrauentag oder 365 Menschentage?
Ich feiere den Weltfrauentag, weil er Sichtbarkeit schafft. Und gleichzeitig wünsche ich mir, dass wir irgendwann keinen einzelnen Tag mehr brauchen, um über Gleichberechtigung zu sprechen. Ich wünsche mir Frauen, die mutig sind. Die sich mit Geld beschäftigen. Die ihre Stimme erheben. Die andere Frauen unterstützen, statt sie als Konkurrenz zu sehen.

Und ich wünsche mir Männer, die nicht defensiv reagieren, sondern zuhören. Die erkennen, wo Strukturen unfair sind. Die selbst kein Problem sind – und andere darauf hinweisen, wenn sie eines sind.
Ich bin nicht in jedem Lebensbereich so mutig, wie ich es gern wäre. Ich darf lernen, mir mehr zu gönnen. Ich darf lernen, mich selbst lauter zu feiern. Im Eigenlob spiele ich noch zu klein. Aber ich bin zufrieden. Und das ist ein riesiger Unterschied zu 2016.
Mein nächstes Level ist die Freiheit, nur noch das zu tun und zu lassen, was mir wirklich Freude macht. Noch mehr zu reisen. Noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Für Frauen, Tiere und benachteiligte Minderheiten einzustehen. Und anderen Menschen zu zeigen, was möglich ist, wenn man ins Handeln kommt.
Feminismus beginnt für mich heute nicht auf der Bühne. Er beginnt im Alltag. Jeder von uns kann feministisch sein in den Entscheidungen, in Gesprächen, im Grenzen setzen und im mutig sein.
Mich interessiert deine Perspektive
Wenn du zehn Jahre zurückblickst, wer warst du damals? Und wer bist du heute? Was hat sich verändert? Und wo hältst du dich vielleicht noch selbst klein? Wie stehst du zum Weltfrauentag und hälst du dich für feministisch? Warum? Oder warum nicht?
Schreib mir gerne in die Kommentare. Wenn du nicht öffentlich schreiben möchtest, gerne auch über das Kontaktfeld hier.
Und bei allem persönlichen Wachstum dürfen wir eines nicht vergessen:
So sehr ich in diesem Artikel über meine eigene Entwicklung geschrieben habe: Über Mut, Geld, Selbstbestimmung, Entscheidungen – all das steht auf einem Fundament, das nicht selbstverständlich ist.
- Ich kann wählen gehen
- Ich kann arbeiten
- Ich kann mein eigenes Geld verdienen
- Ich kann eine Wohnung kaufen und einen Kredit aufnehmen
- Ich kann Auto fahren und verreisen. Auch alleine
- Ich kann selbst entscheiden, ob ich Kinder möchte oder nicht
- Ich darf Hosen tragen, jedes Buch lesen, mich bilden und laut meine Meinung sagen
Das alles ist nicht „normal“. Das alles ist erkämpft. Und dafür dürfen wir Feministinnen vor uns danken. Frauen, die unbequem waren, die belächelt und angefeindet wurden und die trotzdem weitergemacht haben. Frauen, die sich nicht damit abgefunden haben, dass ihre Rolle vorgegeben ist. Viele Rechte, die ich heute ganz selbstverständlich nutze, sind das Ergebnis ihres Mutes.
Und trotzdem sind wir noch nicht am Ziel. Weltweit gibt es immer noch ungleiche Bezahlung, eingeschränkten Zugang zu Bildung, Gewalt gegen Frauen, fehlende Selbstbestimmung über den eigenen Körper, wirtschaftliche Abhängigkeiten und strukturelle Benachteiligungen. Selbst in Island, dem gleichberechtigsten Land der Welt, ist die Gleichberechtigung noch nicht komplett gegeben. Die Frauen gehen weiterhin für Verbesserungen auf die Straße.
Feminismus ist für mich kein Trend, kein Hashtag und kein einmaliger Aktionstag im März. Es ist eine Haltung, eine Erinnerung und eine Verantwortung für eine bessere, gemeinsame Zukunft für alle. Dank der Feministinnen vor uns können wir heute wählen, arbeiten, Kredite aufnehmen, selbstständig sein, über unseren Körper bestimmen, Bücher lesen, unabhängig leben. Dort sollten wir nicht stehen bleiben. Lasst uns weiter unbequem sein, wenn es nötig ist. Nicht nur am 8. März. Sondern an 365 Tagen im Jahr.
Ich freue mich auf den ersten Menschentag ❤️
Und jetzt wirklich: Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.
