Klimaspaziergang durch Ostfildern
Oder: Wie aus einer spontanen Anfrage ein Projekt wurde, das Menschen für Klimaschutz vor der eigenen Haustür sensibilisiert
Manchmal entstehen die spannendsten Projekte aus einem Moment heraus, in dem man eigentlich noch gar nicht weiß, worauf man sich einlässt. So war es auch bei meinem Klimaspaziergang in Ostfildern. Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, einen solchen Spaziergang zu konzipieren und anzubieten, war meine erste Reaktion eine Mischung aus Überraschung, Neugier und einer ordentlichen Portion Selbstzweifel. Heute blicke ich auf drei durchgeführte Klimaspaziergänge zurück, auf viele interessante Gespräche mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern und auf die Erkenntnis, dass manchmal ein einziger Schritt ausreicht, um etwas in Bewegung zu bringen.
Wie kommt es?
Die Idee zu diesem Projekt entstand durch einen Dozenten der Volkshochschule Ostfildern, bei dem ich selbst Kurse besucht hatte. Er bietet vor allem Kurse an, wo die Teilnehmer etwas selbst recherchieren und sich selbst etwas aneignen, gegenseitig Wissen teilen und daraus etwas entstehen lassen, was auch anderen einen Mehrwert bietet. Aktuell geht es im Kurs darum, Wanderkarten mit viel Wissenswertem zu erstellen und den Menschen in der Region zugänglich zu machen. Die gesamte Gruppe hat ein großes Wissen über Pflanzen, Landschaft und ökologische Zusammenhänge. Auf einer Exkursion wo wir eigentlich eine Route für eine Wanderung ablaufen wollten, erzählte er mir, dass er angefragt worden sei, einen Klimaspaziergang zu entwickeln. Die Idee fand er grundsätzlich gut, allerdings fühlte sich das Konzept für ihn nicht ganz passend an, da seine Kurse meist draußen in der Natur stattfinden und weniger in städtischen Umgebungen. Der Klimaspaziergang war darauf ausgelegt, in der Stadt zu laufen und diverse Orte vorzustellen, an denen Klimaschutz und Klimaanpassung in Beispielen gezeigt werden. In diesem Gespräch fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, diese Anfrage zu übernehmen. Ich interessiere mich schon lange für Klimaschutz und lese viel über Themen wie Nachhaltigkeit, Ressourcenverbrauch oder Klimaanpassung. Oft bringe ich mein Wissen auch in unseren Kurs mit ein. Trotzdem war ich zunächst unsicher. Sich für ein Thema zu interessieren ist schließlich etwas anderes, als daraus ein öffentliches Angebot zu entwickeln, Menschen durch eine Stadt zu führen und ihnen Zusammenhänge zu erklären.
Nach einigem Nachdenken entschied ich mich jedoch, die Herausforderung anzunehmen. Mir wurde bewusst, dass genau solche Gelegenheiten selten sind und dass ich es zumindest versuchen wollte. Erfolg kommt schließlich vom TUN und in diesem Fall bin ich nicht nur in der Lage etwas aktiv tun zu können, sondern hab auch diese Chance erhalten.
Wie geht das?

Der nächste Schritt bestand darin, mich fachlich auf das Projekt vorzubereiten. Deshalb fuhr ich zu einem Workshop nach Freiburg, in dem erklärt wurde, wie Klimaspaziergänge aufgebaut werden können. Dort lernte ich, wie man solche Spaziergänge strukturiert, welche Themen sich besonders gut eignen und wie man Menschen dazu bringt, ihre eigene Umgebung mit neuen Augen zu betrachten. Die Grundidee eines Klimaspaziergangs ist eigentlich sehr einfach und gleichzeitig sehr wirkungsvoll: Statt über abstrakte globale Entwicklungen zu sprechen, zeigt man direkt vor Ort, wie sich Klimawandel, Klimaschutz und Klimaanpassung im Alltag bemerkbar machen. Die Teilnehmenden sehen ihre Stadt oder ihren Ort plötzlich aus einer anderen Perspektive und erkennen, dass viele Themen, die oft weit entfernt erscheinen, tatsächlich direkt mit ihrem eigenen Lebensumfeld zusammenhängen.

Allerdings stellte sich schnell heraus, dass ich das Konzept nicht einfach eins zu eins übernehmen konnte. Ostfildern ist zwar offiziell eine Stadt, unterscheidet sich aber deutlich von klassischen Großstädten, für die viele Beispiele im Workshop gedacht waren. Die Stadt besteht aus mehreren Ortsteilen, zwischen denen sich immer wieder Naturflächen, Felder und Grünbereiche befinden. Es gibt zwar städtische Strukturen, aber gleichzeitig auch viel Landschaft und offene Räume. Genau diese Mischung macht Ostfildern zwar besonders lebenswert, stellt aber auch eine Herausforderung dar, wenn man klimarelevante Themen sichtbar machen möchte. Ich begann daher, mir mögliche Stationen für den Spaziergang anzuschauen und überlegte, welche Orte sich eignen könnten, um bestimmte Themen zu erklären. Nach und nach entstand eine Route mit verschiedenen Stationen, an denen wir über unterschiedliche Aspekte sprechen konnten. Da Ostfildern durch die voneinander getrennten Ortsteile sehr viel Fläche hat, habe ich mich zunächst auf einen Ortsteil beschränkt. Es ist theoretisch natürlich möglich, für jeden einzelnen Ortsteil einen eigenen Spaziergang zu konzipieren.
Was genau ist das dann?
Während des Spaziergangs beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Themen wie Verkehr und Mobilität, mit Hitze in Städten, mit Starkregen und Wasserabfluss, mit Ressourcenverbrauch oder mit der Bedeutung von Böden und unversiegelten Flächen. Mir war dabei besonders wichtig, dass es nicht nur um Probleme geht, sondern auch um Lösungen. Ich wollte zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, selbst aktiv zu werden, sei es durch kleine Veränderungen im eigenen Alltag oder durch Entscheidungen rund um das eigene Zuhause. Der Klimaspaziergang sollte kein Vortrag sein, sondern ein gemeinsamer Austausch, bei dem Fragen gestellt werden können und bei dem jede und jeder etwas Neues mitnehmen kann.
Zudem hab ich versucht, hauptsächlich positive Beispiele zu finden. Es ist immer leicht dem Nachbarn in den Schottergarten zu blicken und zu sagen, dieser böse Nachbar tötet Lebensraum für Insekten. Aber was mache ich stattdessen? Wie mache ich es besser?
Wie war der Termin?
Als schließlich der erste Termin im Programm der Volkshochschule Ostfildern stand, war ich ziemlich gespannt ob sich überhaupt jemand anmelden würde. Zu meiner Überraschung waren es schließlich 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (also ausgebucht) und es gab sogar eine Warteliste mit Menschen, die ebenfalls gerne dabei gewesen wären. Dieser Moment war für mich gleichzeitig motivierend und ein wenig einschüchternd, denn plötzlich wurde mir klar, dass nun tatsächlich eine größere Gruppe auf mich warten würde. Da hatte ich noch nicht besonders oft vor vielen Menschen gesprochen. Das waren ja auch nicht irgendwelche Menschen die irgendwem zuhören wollten. Diese Menschen wollten etwas lernen und ihre Stadt in Sachen Klimaschutz besser kennenlernen.
Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als wir uns am Startpunkt trafen und ich begann, den ersten Abschnitt des Spaziergangs zu erklären. Anfangs war ich natürlich nervös, aber schon nach kurzer Zeit entwickelte sich eine angenehme Dynamik. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten Fragen, erzählten von eigenen Beobachtungen und diskutierten miteinander. Genau das war es, was ich mir erhofft hatte. Es wurde ein Spaziergang bei dem Wissen vermittelt wird ohne dass es sich wie Unterricht anfühlt.

Die Rückmeldungen nach diesem ersten Termin waren sehr positiv. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sagten mir, dass sie ihre Umgebung nun mit anderen Augen sehen würden und dass ihnen vorher gar nicht bewusst gewesen sei, wie viele Klimathemen sich direkt im Alltag beobachten und auch verändern lassen. Solche Rückmeldungen zeigen, dass sich der Aufwand gelohnt hat und dass diese Form der Wissensvermittlung tatsächlich funktioniert.
Wie ging es danach weiter?
Ein halbes Jahr später fand der zweite Klimaspaziergang statt, diesmal mit etwa zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die trotz extremer Sommerhitze erschienen sind. Obwohl die Gruppe kleiner war, entstand auch hier ein intensiver Austausch. Die Temperaturen lagen an diesem Tag bei etwa 34 Grad. Das war ein echtes Problem, denn ich selber komme mit Hitze nicht besonders gut klar. An vielen Stationen musste ich mich hinsetzen. Ein Bild für Götter, die Dozentin sitzt auf dem Boden, die Teilnehmer stehen außen rum… Einerseits total peinlich, andererseits verdeutlicht das, wie wichtig das Thema ist. Ohne Klimaanpassung, Blauflächen (Wasser) und andere Maßnahmen die Umgebung kühl zu halten, können bei Menschen eben auch negative gesundheitliche Auswirkungen entstehen. Wir konnten darüber sprechen, wie sich Städte im Sommer aufheizen, welche Rolle Begrünung und Schatten spielen und warum Maßnahmen zur Anpassung an steigende Temperaturen immer wichtiger werden.
Was hat es (bisher) gebracht?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch mit einer Teilnehmerin nach dem Spaziergang. Sie erzählte mir, dass sie ursprünglich geplant hatte, ihre Einfahrt komplett zu versiegeln, quasi zuteeren, damit sie dort parken kann. Nach unserem Gespräch über Wasserabfluss, Versickerung und Insektenfreundlichkeit hatte sie ihre Entscheidung jedoch überdacht. Statt einer vollständig versiegelten Fläche möchte sie nun eine Lösung umsetzen, die Wasser besser versickern lässt und gleichzeitig Lebensraum für Insekten bietet. Das lässt sich mit Rasengittersteinen und flach wachsenden Pflanzen sehr gut umsetzen. Solche Momente zeigen, wie viel Wirkung selbst ein einzelnes Gespräch haben kann. Natürlich verändert ein Klimaspaziergang nicht sofort die Welt, aber er kann Menschen dazu bringen, ihr eigenes Umfeld anders zu betrachten und vielleicht die eine oder andere Entscheidung neu zu überdenken. Und für alle Insekten, die jetzt auf dieser Einfahrt leben, hat es dann doch die Welt verändert. Genauso für die Vögel, die diese Insekten essen,… Nahrungskette geht weiter. Ihr wisst schon.
Zudem gab es vor allem für den ersten Spaziergang ein sehr großes Interesse. Es wurde überregional beworben. „The LÄND“ hat im Rahmen der „The KlimaLÄND“ Kampange dafür Werbung gemacht. Regionale Zeitungen und Käsblättle haben den Termin verbreitet. Die Volkshochschule hat es natürlich im Programm abgedruckt. Zusätzlich hingen Plakate aus. Ich war richtig überrascht, wo man es plötzlich überall gesehen hat.
Im Nachgang hat die Esslinger Zeitung darüber berichtet. Das Thema wurde regional sehr stark breitgetreten und vielleicht hat es noch die ein oder andere Person mehr erreicht, etwas umzusetzen und auch im kleinen Rahmen etwas beizutragen.
So oder so: Jeder Mensch der sich mal über den Tellerrand hinaus Gedanken macht, das Thema präsent hat und vielleicht doch irgendwann in die Situation kommt, wo er etwas bewirken kann, ists für mich persönlich ein Gewinn.

Was hast du mitgenommen?
Für mich persönlich war dieses Projekt vor allem eine Erfahrung, die mir gezeigt hat, wie wichtig es ist, Chancen zu ergreifen auch wenn man sich zunächst unsicher fühlt. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Klimaspaziergang anbieten möchte, hätte ich problemlos ablehnen können. Stattdessen habe ich mich entschieden, es zumindest zu versuchen. Heute bin ich froh darüber, denn aus dieser Entscheidung ist ein Projekt entstanden, das mir sehr am Herzen liegt und das Menschen in Ostfildern für Themen wie Klimaschutz und Klimaanpassung sensibilisiert.
Wie kann ich mitmachen?
Wenn du jetzt neugierig geworden bist und selbst einmal an einem Klimaspaziergang teilnehmen möchtest, lohnt es sich, regelmäßig einen Blick in das Programm der VHS Ostfildern zu werfen. Der Klimaspaziergang wird dort in der Regel jedes Semester wieder angeboten. Vielleicht sehen wir uns ja beim nächsten Termin und entdecken gemeinsam, welche spannenden Klimathemen direkt vor unserer eigenen Haustür sichtbar werden können.
