Warum ich ein Buch über Gewalt gegen Frauen schreibe

Keine Einzelfälle: Mein neues Buchprojekt braucht deine Stimme

Der unangemessene Spruch vom Chef. Die verirrte Hand auf der Party. Der Ex, der das Konto kontrolliert hat. Die Nachrichten, die trotz Trennung nicht aufhören.

Wenn du eine Frau bist, musstest du bei mindestens einem dieser Sätze nicht lange nachdenken. Wenn du ein Mann bist, kennst du eine Frau, der mindestens eines davon passiert ist. Vermutlich kennst du mehrere. Du weißt es nur nicht.

Genau darüber schreibe ich ein Buch.

Worum es geht

Wenn über Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, geht es meistens um die Schlagzeilen: Die spektakulären Fälle, die Prozesse, die Promis. Was dabei untergeht, ist das Ausmaß dazwischen. Die Alltäglichkeit. Dass es nicht zehn schlimme Einzelfälle sind, über die man betroffen den Kopf schüttelt, sondern ein Muster, das sich durch Millionen Leben zieht. Vom übergriffigen Witz oder jemandem hinterherpfeifen über sexualisierte Belästigung bis zu psychischer, finanzieller, digitaler und körperlicher Gewalt.

Die Zahlen dazu sind öffentlich und sie sind eindeutig. Laut dem aktuellen Lagebild des Bundeskriminalamts* steigen die erfassten Straftaten gegen Frauen und Mädchen seit Jahren in fast allen Bereichen, häusliche Gewalt hat einen Höchststand erreicht. Alle zwei bis drei Tage tötet in Deutschland ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin, fast täglich gibt es einen Tötungsversuch. Und der gefährlichste Ort für eine Frau ist statistisch nicht die dunkle Unterführung, sondern das eigene Zuhause: Bei Tötungsdelikten innerhalb von Partnerschaften und Ex-Partnerschaften sind über 80 Prozent der Opfer weiblich. Dazu kommt ein riesiges Dunkelfeld, denn die allermeisten Taten werden nie angezeigt.

Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Leben. Und genau da setzt das Buch an.

Es soll allerdings nicht nur um die Schlimmsten aller dieser schlimmen Taten gehen. Auch vermeintlich „harmlose“ Taten schädigen die Opfer und wie ich finde auch unsere gesamte Gesellschaft. Es ist doch für alle Menschen schlecht, wenn Mädchen und Frauen mit Angst durch die Welt laufen müssen. Ob man selbst betroffen ist oder ob man Vater, Bruder, Onkel, Cousin einer Betroffenen ist – niemand sollte Angst vor ungewollten Übergriffen, Sexualisierung oder Schlimmerem haben müssen. Das fängt auch bei „harmlosen“ Taten wie dem Cat-Calling oder hinter einer weiblichen Person her pfeifen an: Die gemeinte Person weiß nicht, wie weit der Täter potentiell gehen würde und alleine das kann schon Angst und Unsicherheit auslösen.

Wie das Buch aufgebaut ist

Ich führe ausführliche Interviews mit Frauen, die ihre Geschichte erzählen wollen. Diese Geschichten erscheinen als lange, persönliche Kapitel, in ihren eigenen Worten. Dazwischen stehen Seiten mit kurzen Erfahrungsberichten vieler weiterer Frauen, zwei, drei Sätze, Vorname, Alter. Nicht weil die kurzen Geschichten weniger wiegen, sondern damit sichtbar wird, was die Statistik allein aufgrund hoher Dunkelziffern nicht zeigen kann: Die schiere Menge. Es sind nicht zehn Geschichten. Es sind alle, überall, die ganze Zeit.

Jede Frau entscheidet dabei selbst, wie viel sie erzählt, ob ihr echter Vorname erscheint oder ein Pseudonym und nichts wird ohne ausdrückliche Freigabe veröffentlicht.

Warum mache ich so ein Buch?

Ich bin keine Journalistin und keine Aktivistin. Ich bin jemand, der irgendwann angefangen hat zuzuhören und dann nicht mehr aufhören konnte. Viele Frauen in meinem Umfeld sind Betroffene von Gewalt. Mal mit heftigsten Lebensgeschichten, mal mit vergleichbar kleinen Übergriffen. So ziemlich niemand hat mir je gesagt „Nö, also ich wurde noch nie negativ angegangen als Frau“. Als ich anfing, in meinem Umfeld von diesem Projekt zu erzählen, musste ich nicht suchen: Die Geschichten kamen von selbst. Über zehn Frauen aus meinem direkten Umfeld haben mir von ihren Erfahrungen berichtet, ohne dass ich überhaupt einen Aufruf dazu gestartet hätte. Das war der Moment, in dem aus einer Idee eine Verpflichtung wurde. Ich führe nun also nach der Reihe Interviews mit denjenigen Frauen, die auch bereit sind, im Buch repräsentiert zu werden. Wenn du ebenfalls ausführlicher von einer Gewalterfahrung berichten möchtest: Hier kannst du mich kontaktieren. Gern auch anonym und mit nicht nachverfolgbarer Wortwahl. Wir führen dann ein Gespräch aus dessen Aufzeichnung ein Text entsteht, der natürlich ohne deine ausdrückliche Freigabe nirgendwo landen wird.

Deine Geschichte hat Platz

Für die kurzen Erfahrungsberichte sammle ich zudem Einsendungen über einen Fragebogen. Es gibt kein „zu klein“ und kein „zu lange her“. Der blöde Spruch von dem betrunkenen Typen auf dem Dorffest zählt genauso wie das, worüber du noch nie gesprochen hast. Du entscheidest, was du erzählst und unter welchem Namen.

➡️ Hier geht es zum Fragebogen

Und wenn du selbst nichts einreichen möchtest: Teile diesen Artikel oder den Link zur Umfrage. Jede Frau die ihn sieht, ist eine Person, deren Geschichte gehört werden kann.

Was dieses Buch erreichen soll

Ich habe keine Illusion, dass ein Buch die Welt für Frauen sicher macht. Aber Sichtbarkeit ist die Voraussetzung für alles andere: Für politischen Druck, für bessere Gesetze, für Zivilcourage im Alltag und dafür, dass Betroffene sich nicht mehr schämen müssen und Täter sich nicht mehr sicher fühlen können. Einzelfälle kann man wegdiskutieren. Eine Massenbewegung nicht.

Wenn du über den Fortschritt des Projekts auf dem Laufenden bleiben willst: Im Newsletter berichte ich neben neuen Blogartikeln auch über den Stand des Buchprojekts.

*hier noch der Link zum Bericht des BKA


Wenn dich dieses Thema persönlich betrifft und du Unterstützung brauchst: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym erreichbar unter 116 016 und online auf hilfetelefon.de.

Ein wichtiger Hinweis noch: Ich bin keine Psychologin und kann keine therapeutische Begleitung anbieten. Ein ausführliches Interview bedeutet, in die eigene Geschichte einzutauchen. Das kann mehr aufwühlen, als man vorher erwartet. Bitte melde dich für ein ausführliches Interview nur, wenn du für dich sicher bist, dass du über deine Erfahrungen sprechen kannst – ohne dass es dich retraumatisiert oder dir auf andere Weise schadet. Im Zweifel ist es völlig okay, stattdessen (oder erstmal nur) den anonymen Fragebogen zu nutzen. Dort bestimmst du Tempo und Tiefe ganz allein. Und wenn du merkst, dass deine Geschichte noch zu frisch ist oder professionelle Unterstützung braucht: Das ist kein Scheitern, sondern Selbstfürsorge.

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