Stockfotografie: Ein kleines zweites Standbein
Sechs, fast sieben Jahre mache ich das jetzt schon: Stockfotografie. Und wenn du mich fragst, wie es angefangen hat: es gibt keine große Geschichte dahinter. Ich hab’s 2020 einfach ausprobiert. Ohne Erwartung.
Wie alles anfing: Ohne jeden Plan, aber mit einem Ziel
Ich wollte zusätzlich Geld verdienen und meine Bilder in die Welt tragen. Damals gab es noch 25 Cent für jedes verkaufte Bild, und es gab einige Menschen, die tatsächlich davon gelebt haben und in Blogs oder Facebook-Gruppen darüber berichtet haben. Das hat mich motiviert. Ich wollte, dass Fotografie auch bei mir zu meinem Lebensunterhalt beiträgt.
Dazu kam der Gedanke ans passive Einkommen: Einmal hochgeladen, verkauft es sich im besten Fall immer wieder, ohne dass ich noch mal was dafür tun muss. Für meine finanziellen Ziele war das natürlich richtig verlockend.
Stock lief schon, bevor ich mir Auftragsfotografie überhaupt gedanklich vorstellen konnte.
Was es mir bringt: Eher symbolisch
Wenn du jetzt denkst, ich erzähl dir gleich, wie ich mir damit die finanzielle Freiheit aufgebaut habe: Nein, das wäre hart gelogen. Was bei Stock reinkommt, ist eher symbolisch, mehr Prinzip als Geld. Ein paar Dollar hier, ein paar Cent da. Kein Nebenverdienst, mit dem man rechnen kann und Summen wo es sich nicht einmal lohnt zum Weltspartag zu gehen. Ich frage mich mittlerweile wirklich, wie es manche geschafft haben, davon zu leben. Wobei sie mittlerweile, nach all den Kürzungen und Dank KI sicher auch am rudern sind und sich etwas anderes aufbauen müssen.
Und trotzdem: Symbolischer Verdienst heißt nicht, dass es wertlos ist. Es gibt mir das Gefühl, dass Bilder, die sonst einfach nur auf meiner Festplatte verstauben würden, irgendwo auf der Welt tatsächlich gebraucht werden. Von wem, wofür, keine Ahnung. Aber gebraucht.

Was cool ist: Manche Bilder findet man später, wenn man es bei Google Bilder Suche hochlädt und sieht dann, wofür es benutzt wird. Am Meisten gefreut habe ich mich über Marco Polo. Ich bin dort nämlich im Reiseführer vertreten mit den wunderschönen arabischen Oryx-Gazellen, die mir bei einer Safari durch das Shaumari Wildlife-Reservat in Jordanien vor die Kamera gekommen sind.
Die Storys zu der Reise muss ich eines schönen Tages auch einmal verbloggen, es war ein wunderschönes Abenteuer mit giftigen Schlangen, kranken Adlern, aggressiven Sträußen (nein, keine Blumensträuße) und total vielen herzlichen, super lieben Menschen.
Butter bei die Fische – Her mit der Kohle!
Jetzt willst du natürlich wissen, was ich verdiene an so krassen Kunden wie Marco Polo. Und ich hau einfach mal raus.
25 Cent.
Also glaube ich zumindest. Ich sehe ja nicht, wer genau das Bild gekauft hat und die Gazellen wurden mehr als nur einmal verkauft. Aber meistens habe ich so riesige Summen wie 25 Cent bekommen. Alles über 3 Dollar ist die Ausnahme. Umso mehr Bilder ein Kunde der Stockplattform herunterladen darf, umso billiger ist ein Bild für diesen Kunden. Kleines Kontingent ist teurer pro Bild. Großes Kontingent billiger pro Bild, aber insgesamt natürlich teurer. Also umso größer und berühmter mein Kunde, umso wahrscheinlicher, dass er das große Kontingent gebucht hat und sehr wenig bei der Fotografin der einzelnen Bilder ankommt.
Mit über 3.000 Bildern habe ich in all den Jahren noch keine 3.000 Euro verdient…
Die Sache mit dem Pferdeapfel
Hier kommt der Teil, der mich bis heute am meisten überrascht: was sich tatsächlich verkauft, hat mit meinem eigenen Qualitätsempfinden herzlich wenig zu tun.
Bei Stock sind die Kundinnen und Kunden weltweit unterwegs, und sie kaufen wirklich jeden Scheiss. Das mein ich wörtlich. Eine Nahaufnahme von einem Pferdeapfel hab ich schon zweimal verkauft. Ein anderes Bild (der Schönbuchturm bei Herrenberg), das technisch grottig ist, quasi ein Schnappschuss im Vorbeigehen, ultra hässlich, hat mir zwei Verkäufe und 28 Dollar eingebracht.

Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Bilder, die ich persönlich am liebsten löschen würde, einen Käufer finden. Aber genau das ist passiert, immer wieder. Also hab ich irgendwann aufgehört, meine eigene Vorauswahl zu treffen, und einfach so ziemlich alles hochgeladen, auch den „Ausschuss“. Was bedeutet: mein Stock-Portfolio ist definitiv keine Sammlung meiner Best-of-Bilder. Es ist eher ein Sammelsurium, bei dem ich selbst nicht mehr vorhersagen kann, was zieht.
Einer meiner Dauerbrenner und absoluten Bestseller ist ein Schwamm:

Diese Bilder sind entstanden, als ich wirklich erstmal mit Todesangst ins Wasser geschubst wurde. Ich hab eine gute Weile gebraucht um klar zu kommen und dann die GoPro überhaupt bedienen zu können. Die Unterwasserwelt war faszinierender als meine Angst vor Wellen, vor giftigen Fischen, Seeigeln, davor in eine Strömung zu geraten, Haifische die mich fressen werden, Angst vor dem Ertrinken, Angst gegen das Riff gespült zu werden, Angst vor einer undichten Taucherbrille, vor nachlassenden Schwimmkräften, … Eigentlich Angst vor allem was mit offenem Meer zu tun hat. Trotzdem hab ich es geschafft irgendwie diese Bilder zu knipsen. Völliger Zufall. Bestseller.
Warum ich nicht mehr regelmäßig hochlade
Aktuell kommen bei mir keine neuen Bilder mehr regelmäßig dazu. Der Grund ist simpel: Der Aufwand lohnt sich für mich nicht mehr. Es dauert wirklich ewig bis ein Bild fertig ist. Verschlagworten, Titel geben, Ort hinzufügen, Kategorisieren, hochladen, auf allen Plattformen pflegen, das kostet Zeit. Und bei dem, was am Ende finanziell bei rauskommt, wandert diese Zeit bei mir inzwischen lieber in andere Projekte oder einfach in Dinge, die mehr zurückgeben.
Von den 25 Cent pro Bild aus meiner Anfangszeit ist nach mehreren Kürzungen der Plattformen mittlerweile gerade mal 10 Cent pro Bild übrig geblieben, die es aktuell noch gibt. Und dann ist da noch die KI, die inzwischen auch noch mit im Spiel ist. Zwischen sinkenden Preisen und einer Konkurrenz, die Bilder in Sekunden generiert statt sie zu fotografieren, ist der ganze Markt einfach nicht mehr das, was er 2020 mal war. Die Jahre davor waren noch besser. Es ging quasi stetig bergab mit Stock.
Die Verbindung zu meiner Auftragsfotografie
Was Stock und Auftragsfotografie eint: Bei beidem gilt dasselbe stille Prinzip, keine erkennbaren Menschen ohne Freigabe. Bei Stock heißt das Model-Release, bei meinen Kundinnen und Kunden heißt das Vertrauen und Rücksicht auf ihre Privatsphäre. Zwei völlig unterschiedliche Welten, ein und dieselbe Regel im Hintergrund.
Der Unterschied: bei Auftragsfotografie weiß ich genau, wer die Bilder bekommt und wofür sie gedacht sind. Bei Stock weiß ich es nie. Irgendjemand, irgendwo, lädt sich meinen Pferdeapfel runter und ich werde vermutlich nie erfahren, wofür. Was ich aber bei Shutterstock sehr cool finde: Es wird der Download-Ort angezeigt. Ich habe mir daher mal den Spaß gemacht und verfolgt, wohin meine Bilder gedownloadet wurden. Zum Großteil Europa und USA, oftmals gerade Reisebilder in das Land, in dem das Bild entstanden ist und teilweise auch echt Orte, die man nicht erwartet. Afrika, Neuseeland, Australien, Japan, alles dabei. Und da muss ich zugeben: Ich feier es. Das ist richtig cool.

Was ich daraus mitnehme
Jedes Bild findet einen Kunden. Jeder Mensch braucht etwas anderes und manche brauchen Dinge, von denen niemand denken würde, dass sie überhaupt gebraucht werden. Meine Kundinnen und Kunden kommen von überall her: Fast 900 Kundinnen und Kunden aus über 70 Ländern – für Bilder, die ich selbst teilweise nie für verkaufsfähig gehalten hätte.
Kleiner Hinweis: Das hier ist meine ganz persönliche Erfahrung mit Stockfotografie, keine Einnahmen-Garantie und keine Empfehlung, selbst damit anzufangen. Was bei mir eher symbolisch bleibt, kann bei jemand anderem ganz anders aussehen, oder eben auch nicht.
