Status Quo: Was hast du wirklich? Der erste (unbequeme) Schritt zu deiner finanziellen Freiheit

Teil 1 der Serie: PFP – Persönliche Finanz-Planung

Ich erinnere mich noch an den Moment, als ich zum ersten Mal wirklich hingeschaut habe. Ich dachte, ich hab alles im Griff. Mein Konto war immer ein bisschen im Plus. Ich kannte meine Kontoauszüge, wusste ungefähr was reinkommt, wusste ungefähr was rausgeht. „Ungefähr“ war allerdings mein Fehler. Ich hab mir die Kontoauszüge angeschaut, genickt und gedacht: „Ja, passt schon.“

Passte nicht.

Denn was ich damals nicht verstanden hatte: Mein Kontostand ist nicht mein Vermögen. Und solange ich das nicht auseinanderhalten konnte, hatte ich keinen Status Quo. Ich hatte eine Illusion und einen recht groben Gedankenfehler.

Heute weiß ich: Wer finanziell etwas verändern will, muss zuerst wissen, wo er wirklich steht. Nicht ungefähr. Wirklich.

Und genau das machen wir jetzt gemeinsam.

Warum die viele diesen Schritt überspringen und was es sie kostet

Es ist unangenehm. Das ist die ehrliche Antwort. Mal ehrlich, hast du Spaß daran, irgendwelche Zahlen zu tracken? Ohne Tracking kannst du aber auch nichts vergleichen. Du weißt nicht, ob es deinem Heute-Ich besser geht als dem Vergangenheits-Ich und ob es deinem Zukunfts-Ich dadurch fantastisch gehen wird oder ob genau das Gegenteil der Fall ist. Vielleicht war deine Vergangenheit finanziell ganz gut auf der Höhe, dein Heute kommt halt so klar und in deiner Zukunft wirst du richtig Probleme haben, nur weil dein Heute-Ich die Augen verschließt und nicht wirklich hinsieht.

Viele Menschen schauen bewusst nicht hin, weil sie Angst haben vor dem, was sie sehen könnten. Schulden, die größer sind als gedacht. Ein Sparstand, der kleiner ist als erhofft. Ausgaben, die sich irgendwie verdoppelt haben, ohne dass man weiß wie. Aber die bittere Wahrheit: Was du nicht siehst, verschwindet nicht. Es wächst.

Unwissenheit schützt dich nicht vor den Konsequenzen deiner Finanzen. Sie macht sie nur schwerer zu lösen, je länger du wartest. Der Status Quo ist kein Urteil über dich. Er ist ein Startpunkt. Und jeden Startpunkt kann man verlassen, wenn man erst mal weiß, wo er ist und bereit ist, sich auf den Weg zu machen. Erfolg kommt nun mal nur vom TUN und deswegen gehen wir hier den ersten Schritt.

Was gehört eigentlich zu deinem Status Quo?

Hier kommt der Teil, bei dem die meisten zu kurz springen. Ich auch, anfangs.

Dein Status Quo besteht aus drei Bereichen:

1. Deine Einnahmen

Was kommt jeden Monat tatsächlich auf deinem Konto an? Nicht brutto, nicht theoretisch – netto, real, verlässlich.

Das können sein:

  • Gehalt oder Lohn (nach Abzügen)
  • Einnahmen aus Selbstständigkeit oder Nebentätigkeiten
  • Mieteinnahmen
  • Kindergeld, Unterhalt, sonstige regelmäßige Zahlungen

Wichtig: Nimm den Durchschnitt der letzten 6-12 Monate, wenn dein Einkommen schwankt. Ein guter Monat ist kein Durchschnitt.

2. Deine Ausgaben

Was geht wirklich raus? Auch hier: Nicht geschätzt, sondern nachgeschaut.

Feste Kosten (Miete, Kredite, Versicherungen, Abos, Strom,…) sind einfach. Die variablen Kosten (Lebensmittel, Restaurants, Shopping, Freizeitaktivitäten,…) sind es, die meistens unterschätzen. Ich empfehle, die letzten 3 Monate deiner Kontoauszüge durchzugehen und alles in Kategorien einzuteilen. Ja, das ist Arbeit. Nein, es gibt keinen Weg daran vorbei. Dafür ist das Ergebnis oft eine ziemlich heilsame Überraschung in beide Richtungen. Wenn du für einen Rückblick noch nicht bereit bist, kannst du auch jetzt quasi im laufenden Betrieb anfangen ein Haushaltsbuch zu führen. Ich hab da schon super viele getestet, bin aber beim Web-Budgetplaner vom Beratungsdienst Geld und Haushalt stecken geblieben. Es hat für mich genug Einstellungsmöglichkeiten und genug Filter- und Auswertungsmöglichkeiten, ist kostenfrei nutzbar auf PC und Handy und hat eine angenehme Optik. Ob es für dich auch passt, musst du natürlich selbst entscheiden.

Zu den Ausgaben gehören übrigens auch quartalsweise, halbjährliche und jährliche Zahlungen (KFZ-Steuer, Versicherungsprämien, Grundsteuer, GEZ…), die du auf den Monat herunterbrechen solltest. Die tauchen nicht jeden Monat auf, aber sie sind trotzdem Ausgaben für die am Ende Geld da sein sollte.

3. Dein Nettovermögen

Das ist der Teil, den ich am Anfang komplett falsch gemacht habe. Dein Nettovermögen ist nicht dein Kontostand. Es ist die Antwort auf die Frage: Was hätte ich, wenn ich heute alles zu Geld machen würde?

Auf der einen Seite stehen deine Vermögenswerte:

  • Guthaben auf allen Konten (Girokonto, Tagesgeld, Festgeld)
  • Wertpapiere, ETFs, Aktien
  • Immobilien (zum aktuellen Marktwert, nicht zum Kaufpreis!)
  • Fahrzeuge (realistischer Wiederverkaufswert)
  • Betriebsvermögen, Unternehmensanteile
  • Rückkaufswerte von Versicherungen
  • Bausparguthaben
  • Bitcoin und andere Kryptowährungen zum aktuellen Verkaufskurs
  • Gold, Silber, Münzen, Briefmarkensammlung, Kunst, …
  • Sonstige Sachwerte, die tatsächlich veräußerbar wären

Auf der anderen Seite stehen deine Verbindlichkeiten:

  • Restschuld aus Immobilienkrediten
  • Autokredite
  • Konsumkredite, Ratenkäufe
  • Disponutzung
  • Sonstige Schulden

Nettovermögen = Vermögenswerte minus Verbindlichkeiten.

Ein Beispiel: Du hast eine Immobilie, die heute auf dem Markt 300.000 Euro wert wäre. Die Restschuld beträgt noch 120.000 Euro. Dein Eigenkapital an dieser Immobilie beträgt also 180.000 Euro und das gehört in dein Nettovermögen. Nicht der Kaufpreis von vor zehn Jahren. Der aktuelle Wert.

Wenn du schon etwas erfahrener bist, kannst du zusätzlich eine realistische Wertsteigerung einkalkulieren, aber für den Anfang empfehle ich, lieber konservativ zu schätzen als zu optimistisch. Ein Puffer nach unten tut nicht weh. Böse Überraschungen schon.

Die eine Zahl, die du kennen musst

Am Ende dieser Übung hast du eine Zahl: Dein Nettovermögen. Diese Zahl kann positiv sein. Sie kann negativ sein. Sie kann kleiner sein, als du gehofft hast oder größer, als du dachtest.

Was sie in jedem Fall ist: real.

Und real ist gut. Denn nur mit realen Zahlen kannst du reale Entscheidungen treffen.

Diese Zahl ist außerdem kein statisches Ding. Sie verändert sich mit jeder Entscheidung, die du triffst. Schulden, die du abbaust. Geld, das du zur Seite legst. Investitionen, die wachsen. Der Status Quo von heute ist nicht der Status Quo von morgen. Aber du musst ihn erst mal kennen.

Was ist mit meiner Haushaltsbilanz, reicht das nicht?

Kurze Antwort: Nein. Lange Antwort:

Eine Haushaltsbilanz (also Einnahmen minus Ausgaben) sagt dir, wie viel jeden Monat übrig bleibt oder fehlt. Das ist wichtig, aber es ist nur ein Teil des Bildes.

Dein Nettovermögen sagt dir, wie viel du aufgebaut hast. Oder wie viel Loch noch vor dir liegt.

Beide Zahlen brauchst du. Zusammen geben sie dir ein vollständiges Bild davon, wo du wirklich stehst. Wenn du in der Haushaltsbilanz mit einem Minus endest, würde das nicht logischerweise auch bedeuten, dass dein Nettovermögen gar nicht steigen kann. Du würdest in diesem Fall jeden Monat etwas aus dem Vermögen drauflegen um den Alltag zu bestreiten. Wenn deine Geldanlage aber gut läuft und eine gute Rendite erwirtschaftet, dann könnte dein Vermögen steigen, obwohl du jeden Monat drauflegst.

Wenn deine Haushaltsbilanz positiv ist, heißt das aber umgekehrt auch nicht, das dein Nettovermögen wächst. Wenn du zwar Geld investierst, das Invest aber auch schwankt (nach unten), kann es trotz deiner Sparrate dazu kommen, dass das Vermögen gesunken ist. Das kann vor allem dann vorkommen, wenn du in Aktien, ETF oder Kryptowährungen investiert hast oder eine Immobilie hast, die aufgrund irgendwelcher Umstände im Wert verliert. Das muss auch erstmal überhaupt nichts schlechtes bedeuten, aber es zeigt, dass dein Daily Doing nicht immer einen verknüpfbaren und fixen Einfluss auf dein Gesamtvermögen hat.

Wie du das alles erfasst ohne den Verstand zu verlieren

Ich empfehle eine eigene Übersicht und zwar eine, die wirklich zu dir passt. Die Vorlagen aus dem Internet sind oft entweder zu simpel oder so komplex, dass man schon Buchhalter sein muss, um sie zu verstehen. Meistens passen sie auch einfach nicht zur eigenen Lebenssituation.

Ich habe mir deshalb irgendwann meine eigenen beiden Excel-Tabellen gebaut. Eine, die mir auf einen Blick alles zeigt, was ich bisher erreicht habe und wo mein Nettovermögen aktuell steht und eine weitere, die meine Haushaltsrechnung bezüglich der Fixkosten darstellt. Damit weiß ich zum einen immer wo ich gerade im Gesamten stehe und zum anderen weiß ich, wie viel ich monatlich zur Verfügung habe um die variablen Kosten zu decken. Wie ich diese Excels aufgebaut habe und was da alles reingehört, erkläre ich bald in einem eigenen Artikel. Den verlink ich hier, sobald er online ist. Wenn du schneller davon erfahren willst, abonniere doch gerne auch meinen Newsletter. Es hilft dir ja nicht, wenn ich dir einfach meine Vorlage hier rein klatsche, du aber ganz andere Posten hast, eine ganz andere Lebenssituation und daher ganz andere Prioritäten als ich.

Was ich dir als Tipp auf jeden Fall mitgeben kann: Egal ob du eine Excel aus dem Internet nimmst oder selber eine baust: Speicher zu gewissen Zeitpunkten den aktuellen Stand ab und kopiere alles auf ein neues Tabellenblatt. Notiere immer den Stand dazu. Ich nehme beispielsweise den Stichtag 31.12. eines jeden Jahres. So kannst du vergleichen, ob und wie schnell es für dich voran geht und welche Stellschrauben den größten Effekt für dich haben/hatten.

Dein Jetzt-Schritt

Du weißt jetzt, was zum Status Quo gehört. Jetzt kommt der entscheidende Teil: TUN!

Nicht morgen. Nicht „wenn ich mehr Zeit habe“. Heute.

Setz dich heute noch für 30 Minuten hin und schreib auf:

  • Was kommt monatlich rein?
  • Was geht monatlich raus? (Kontoauszug auf, nicht schätzen.)
  • Was gehört dir wirklich und was davon ist noch mit Schulden belastet?

Das muss noch nicht perfekt sein. Es muss nur existieren. Denn eine unvollkommene Übersicht, die du wirklich hast, ist mehr wert als die perfekte, die du noch schreiben wolltest.

Wenn du magst, schreib mir wie es war oder wenn du Hilfe brauchst. Was hat dich überrascht? Was war anders als gedacht? Ich freue mich über jeden Austausch zu diesem Thema, denn genau darüber reden viel zu wenige.


Hinweis: Alles, was ich in dieser Blogserie teile, basiert auf meinen eigenen Erfahrungen und meinem selbst angeeigneten Wissen. Ich bin keine Finanzberaterin und gebe keine Anlageempfehlungen. Jede finanzielle Entscheidung liegt in deiner eigenen Verantwortung. Im Zweifel hol dir professionelle Beratung.

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