Die 45-Euro-Entscheidung, die mir den Hintern gerettet hat

Erinnerungsdividende vs. Sparen

Ich habe mir für dieses Jahr ein bewusstes Fokusthema gesetzt: Erinnerungsdividende. Ich möchte mehr erleben, mehr Geschichten sammeln und mehr Momente haben, an die ich mich auch in vielen Jahren noch gern erinnere. Solche, bei denen man nicht sagen muss: „War ganz nett“, sondern solche, bei denen man automatisch lächelt, sobald man nur daran denkt.

Genau mit diesem Gedanken im Kopf war ich kürzlich im Winter im Berchtesgadener Land im Urlaub. Berge, Schnee, klare Luft, diese besondere Stimmung, die man nicht beschreiben kann sondern erleben muss. Ich hatte mir vorgenommen, viel draußen zu sein, Ausflüge zu machen und diese Zeit nicht einfach nur zu „verbringen“, sondern sie wirklich zu nutzen. Ich wollte Bilder machen, tolle Aussichtspunkte besteigen und viel mitnehmen. Und natürlich war mir klar, dass es auch Schnee hat und Glatt sein könnte. Ich dachte aber, meine sehr guten Wanderschuhe würden ausreichen. Gutes Profil, wasserdicht, was will ich mehr? Naja, mein Hintern wollte mehr. Dessen Weichheit durfte ich schon an Tag 2 testen und der blaue Fleck sollte nicht noch weitere Freunde finden.

Auf dem Bild hier erkennt man ganz gut, was ich mit glatt meine. Es war wirklich extrem.

Und dann stand ich plötzlich in einem kleinen Laden und schaute auf ein Paar Spikes für die Schuhe.

Kurz davor hatte ich noch Online nachgesehen. Dort kosten solche Spikes ungefähr 20 Euro. In diesem Laden vor Ort wollten sie 45 Euro dafür haben. Mein erster Impuls war ziemlich eindeutig: Das ist viel zu teuer. 45 Euro für ein bisschen Metall unter den Schuhen, nur damit man auf Eis nicht ausrutscht? Das fühlte sich in meinem Kopf nach einer dieser typischen „Urlaubs-Fehlentscheidungen“ an, bei denen man sich später fragt, was einen da eigentlich geritten hat. Niemals werde ich diese Dinger zuhause brauchen, Schnee hat es nur super selten und selbst wenn, ist der Räumdienst meistens schneller.

Gleichzeitig wusste ich aber auch: Ich wollte nicht auf ein Paket von irgendeinem Online-Shop warten. Ich war nur ein paar Tage hier, ich wollte jetzt los in die Berge. Und genau in diesem Moment sind zwei Ziele frontal aufeinandergeprallt. Auf der einen Seite mein ganz normales, vernünftiges Ziel, Geld zu sparen und keine unnötigen Ausgaben zu machen. Auf der anderen Seite mein neues, bewusst gewähltes Ziel, Erinnerungsdividende zu sammeln und diese Zeit wirklich zu erleben.

Beides zusammen ging in diesem Moment nicht.

Ich habe die Spikes trotzdem gekauft. Nicht, weil es sich gut angefühlt hätte. Eher im Gegenteil. Ich habe mich innerlich schon geärgert, als ich bezahlt habe und mir kurz gedacht, dass ich sie online deutlich günstiger bekommen hätte. Aber ich wollte auf den Jenner. Das Wetter war gut und für die nächsten Tage wäre es laut Wetterbericht schlechter geworden.

Planung ist alles

Der Plan war, bei der Mittelstation zu parken, mit der Seilbahn nach oben zu fahren und von dort zu Fuß weiter Richtung Gipfel zu gehen. Anschließend wollten wir nicht einfach bequem wieder mit der Seilbahn runterfahren, sondern den längeren Weg über die Schlittenpiste und weiter vorbei an alten Lawinenresten zurück zur Mittelstation und zum Parkplatz nehmen.

„Wir“ – das waren in diesem Fall nicht einmal Menschen mit denen ich angereist war. Ich war an diesem Tag mit zwei Leuten unterwegs, die ich erst in diesem Urlaub kennengelernt hatte. Fremde, die innerhalb kürzester Zeit zu sehr angenehmer Gesellschaft geworden waren. Wir haben viel gelacht, viel geredet und genau diese Art von Gesprächen geführt, die irgendwie nur im Urlaub entstehen, wenn man sich noch nichts beweisen muss und nichts voneinander erwartet. Allein das hat den Tag schon besonders gemacht.

Ohne die Spikes wäre dieser Tag allerdings sehr wahrscheinlich ganz anders verlaufen.

Der Weg vom Parkplatz zur Mittelstation war schon ganz ok. Oben allerdings war nur die Aussichtsplattform geräumt. Außerhalb der Terrasse war es komplett vereist. Teilweise war der Untergrund so glatt, dass man ohne Spikes nicht mehr gegangen, sondern eher völlig unkontrolliert gerutscht wäre. Es war ziemlich offensichtlich, dass ich ohne diese Dinger unter den Schuhen entweder sehr früh hätte umdrehen müssen oder irgendwann ziemlich unschön Bekanntschaft mit dem Boden gemacht hätte. Im schlimmsten Fall mit dem Boden im Tal, die Abhänge dort sind steil.

Mit den Spikes hingegen war es erstaunlich entspannt. Ich hatte Halt, konnte normal gehen, musste nicht bei jedem Schritt überlegen, ob das jetzt eine gute oder eine sehr dumme Idee ist. Und genau deshalb sind wir weitergegangen. Bis ganz nach oben. Bis zu diesem Punkt, an dem man stehen bleibt, tief durchatmet und sich denkt, dass sich genau für solche Momente der ganze Aufwand lohnt.

Ohne Spikes wären wir ziemlich sicher vorher umgedreht. Wir hätten dann wahrscheinlich gesagt, dass es halt zu glatt ist, wären wieder zur Seilbahn gegangen, hätten Geld für die Abfahrt bezahlt und wären unten angekommen mit dem Gefühl, dass es „ganz okay“ war. Kein Drama, aber eben auch kein echtes Erlebnis. Vor allem aber hätten wir einen großen Teil dieses Tages einfach nicht so gehabt. Meine Begleiter hatten selbst keine Spikes dabei, allerdings auch wie ich, sehr gute Wanderschuhe und Stecken. Das wird vermutlich meine nächste Anschaffung werden, diese Stecken sind auch ganz schön praktisch. Dennoch hatte ich es deutlich einfacher als die beiden, viel bessere Trittsicherheit und wenig bis gar kein Kraftaufwand in den Armen um mich an Stecken abzustützen.

Es gibt auch ein sehr realistisches Szenario, in dem ich ohne diese Spikes richtig übel hingeflogen wäre. So ein Sturz im Gebirge ist ja nicht dieses filmreife „hihi, ausgerutscht“, sondern kann sehr schnell sehr unangenehme Konsequenzen haben. Im besten Fall wäre der Tag gelaufen gewesen. Im schlechteren Fall der Urlaub. Im allerschlimmsten Fall mein Leben. (Ok, vielleicht etwas übertrieben, da ich schon sehr vorsichtig bin, aber you never know before you know und manche Dinge willst auch gar nicht rausfinden…)

Kosten verpasster Erlebnisse

Und jetzt kommt der eigentlich spannende Teil: Rein finanziell betrachtet waren diese Spikes eine schlechte Entscheidung. 45 Euro für etwas, das ich online deutlich günstiger bekommen hätte. Punkt. Und wie oft werde ich sie verwenden?…

In der echten Rechnung waren sie allerdings unfassbar günstig.

Sie haben mir einen ganzen Tag voller Bewegung, Gespräche, Lachen, Aussicht und diesem Gefühl geschenkt, etwas wirklich gemacht zu haben, statt nur irgendwo gewesen zu sein. Sie haben dafür gesorgt, dass wir nicht umdrehen mussten, dass wir nicht den bequemen, langweiligen Weg gewählt haben und dass aus einem netten Ausflug ein richtig tolles Erlebnis geworden ist.

Genau das ist Erinnerungsdividende.

Manche Ausgaben sehen auf dem Kontoauszug schlecht aus und fühlen sich im Moment nach Vernunftbruch an. Im Rückblick sind sie aber genau die Dinge, über die man noch Jahre später spricht. Nicht weil sie teuer waren, sondern weil sie etwas möglich gemacht haben.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fragen, die man sich selbst ab und zu stellen sollte: Wo spare ich gerade Geld und verzichte dafür auf Leben? Oder wie in meinem Fall: Lohnt es sich das Geld zu sparen, wenn ich im Gegenzug vermutlich noch mehrfach die Airbag-Funktion meines Hintern austesten würde?

Welche Reise schiebe ich auf? Welches Erlebnis „lohnt sich gerade nicht“? Welche Entscheidung treffe ich für meinen Kontostand und gegen eine Erinnerung?

Natürlich ist Sparen wichtig. Natürlich sollte man nicht mit Geld um sich werfen. Aber nicht alles, was billig ist, ist klug. Und nicht alles, was sich teuer anfühlt, ist wirklich teuer.

Manche Dinge zahlen keine Zinsen. Sie zahlen Geschichten. Und die bleiben meistens deutlich länger.

Diese Spikes stehen jetzt übrigens in ihrem Beutelchen eingepackt und liegen im Wanderfach von meinem Kleiderschrank herum. Jedes Mal, wenn dieses Schrankfach öffne denke ich nicht: „Ach die Dinger, wo ich vor Ort so viel mehr abdrücken musste als online.“ Ich denke an diesen Tag, den Spaß beim Abstieg, die leckere heiße Schokolade in der Hütte auf halber Strecke abwärts, die beeindruckende Schneemasse der alten Lawine, die tollen Gespräche mit der super Begleitung.

Und das ist eine ziemlich gute Rendite.

Wie ist das bei dir?

Wann hat sich bei dir zuletzt etwas, das sich im ersten Moment „zu teuer“ angefühlt hat, im Nachhinein als richtig gute Investition in Erinnerungen herausgestellt? Erzähl es mir gern in den Kommentaren.

PS: In diesem Beitrag sind gerade nur die Handy-Fotos. Die Bilder von der Kamera habe ich noch nicht gesichtet. Wenn du später nochmal vorbei schaust, sind vielleicht noch schönere Bilder hier zu sehen 😎

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