Wie ich für wenig Geld nach Schweden gereist bin…
…und trotzdem fast alles verloren habe
Ich liebe es, Geld zu sparen. Nicht, weil ich besonders geizig bin, sondern weil mir Freiheit wichtiger ist als Konsum. Und wer spart, hat mehr Spielraum für die Dinge, die wirklich zählen. Schließlich kosten fast alle Ziele im Leben Geld oder sind zumindest mit Geld einfacher zu erreichen (Studien zufolge sind auch Beziehungen glücklicher, wenn keiner der Partner Geldsorgen haben muss). Also das warum hinter dem Sparen ist klar.
Mein Kumpel und ich hatten jedenfalls einen Plan: Roadtrip in den Norden. Schweden, Kopenhagen, Oslo. So günstig wie irgendwie möglich.
33 Euro. So viel hat mein Flug von Stuttgart nach Hamburg gekostet. Eurowings, Handgepäck, kein Schnickschnack, keine Erwartungen. Perfekt. Für die erste Nacht hatte ich über Couchsurfing eine Unterkunft organisiert bei einer total herzlichen Krankenschwester, die mich einfach so bei sich schlafen ließ. Für lau. Genau so hatte ich mir das ausgerechnet.
Am nächsten Tag ist mein Kumpel eingetroffen, wir haben Hamburg erkundet und sind gegen Abend mit dem Flixbus und einer Fähre Richtung Kopenhagen gestartet. Günstig, unkompliziert, abenteuerlich. So weit, so gut.
Kopenhagen: Kunst, Minztee und ein Marokkaner mit klaren Prioritäten
Kopenhagen hat uns mit einem billigen Hostel und jeder Menge Stadt empfangen. Ein paar Tage flanieren, schauen, staunen.

Es gab eine Contemporary Art Ausstellung mit einem Traum- und Wunschbaum. Ich finde sowas ja immer spannend und lese gerne, was die anderen Menschen so erträumen und was sie sich wünschen. Wie Bodo Schäfer so schön sagt:
Aus Träumen werden Wünsche, aus Wünschen werden Ziele und Ziele kannst du erreichen.
Ich glaube an diesen Spruch. Wobei damals ein paar Monate vorher gerade Trump seine erste Amtszeit gestartet hatte…
Danach ging es noch nach Christiania. Uhh yeah 😎 Wer Christiania kennt, weiß, was ich meine. Wer es nicht kennt: Es ist ein Ort, der sich seine eigenen Regeln macht. Mitten drin: ein Marokkaner, der den besten Minztee verkauft, den ich je außerhalb von Marokko getrunken habe. Wir kamen ins Gespräch. Warum er ausgewandert ist? „Hier stört sich niemand daran, wenn ich kiffe.“ Mehr brauchte es für ihn nicht. Klare Antwort, bester Tee. Weiter.
Malmö: Der Raketenwissenschaftler und der Öresund-Zug
Mit dem Zug über den Öresund nach Malmö. Allein diese Strecke ist ein Erlebnis. Auf der schwedischen Seite wartete unser nächster Couchsurfing-Host: Ein Raketenwissenschaftler. Ja, wirklich. Ein Typ, der Raketenwissenschaft, Weltraumgedöns und sowas studiert und trotzdem wildfremde Reisende kostenlos bei sich schlafen lässt. Ich finde, das sagt alles über Couchsurfing, was man wissen muss.
Ein paar Tage Malmö, schöne Ecken, gutes Essen, gute Gespräche. Besonders cool: Wir waren auf einem Vortrag zum „extremely large telescope“, das irgendwo in Chile gebaut werden sollte. Super spannend! Echte Rocket-Science. Dann weiter nach Göteborg.

Göteborg: Hela Curry Ketchup als interkulturelles Gastgeschenk

Unser Göteborg-Host hatte eine sehr konkrete Bitte: Hela Curry Ketchup aus Deutschland mitbringen. Den gibt es in Schweden nicht zu kaufen, er hatte ihn bei einem Besuch in Deutschland kennengelernt und war seitdem verloren. Natürlich haben wir das ernst genommen. Eine Flasche Curry-Ketchup als Gastgeschenk – ich finde, das ist das charmanteste Gastgeschenk, das ich je gemacht habe.
Ein paar Tage Göteborg, dank unserem Host auch eine tolle Aussicht bei Nacht und dann der Bus nach Tanumshede.
Tanumshede: Bronzezeit, Holländerin und ein Geldbeutel auf dem Autodach
Tanumshede klingt nach nichts, ist aber magisch. Eine ausgewanderte Holländerin hatte dort eine zuckersüße Unterkunft, komplett holländisch eingerichtet. Sie hat uns sogar ihr Auto als Mietwagen geliehen, damit wir uns die abseits gelegenen Felsritzungen aus der Bronzezeit anschauen konnten. Jahrtausende alte Bilder in den Stein geritzt. Einfach so, mitten in der schwedischen Landschaft. Ich hab zu diesen Bildern einen besonderen Bezug. Als ich angefangen habe, meine Fotos auf Stock-Plattformen zu verkaufen, waren meine ersten beiden Verkäufe der P€ni$-Jäger und der Schlangen-P€ni$, wie hier wunderbar zu erkennen:


Wir waren noch kurz in Fjällbacka, dort gibt es echt eine wahnsinnig hammermäßig wunderschöne Aussicht. Das muss ich hier einfach kurz für euch wirken lassen:

Auf dem Rückweg haben wir noch kurz beim Supermarkt angehalten für billiges Reiseessen. Ich habe die Einkäufe im Kofferraum verstaut, den Geldbeutel kurz aufs Autodach gelegt und bin losgefahren.
Ihr ahnt es.
Der Geldbeutel ist mitgefahren. Kurz zumindest… Ich habe es an dem Tag noch nicht bemerkt.
Oslo: Die Erkenntnis
In Oslo angekommen. Ich hatte eine Couchsurfing-Couch, mein Kumpel nicht (das ist eine andere Geschichte). Und dann, irgendwann, der Moment der Wahrheit: Wo ist eigentlich mein Geldbeutel?
Nicht in der Tasche. Nicht im Rucksack. Nicht irgendwo.
Oh. 😱
Gleichzeitig die Nachrichten, vielleicht erinnert ihr euch. April 2017: Anschläge in Stockholm, LKW in Menschenmenge gerast. Verstärkte Grenzkontrollen nach Schweden. Ich, ohne Ausweis, ohne Karten, ohne Bargeld, in Oslo. Direkt mal Nervenzusammenbruch.
Hier muss ich kurz vorgreifen: Ich war in Stockholm dann tatsächlich am Ort des Anschlags. Nicht aktiv, aber es war so zentral, dass man da bei einer Stadtbesichtigung gar nicht dran vorbei gekommen ist. Richtig krass wie groß die Anteilnahme war und wie viele Blumen dort abgelegt wurden und wie viele Menschen vor Ort waren. Sowas gibt mir wieder Glauben an die Menschheit zurück 🥰


Zurück zu meinem Problem. Ich war noch in Oslo. Was kann ich machen ohne Geldbeutel, Karten, Ausweis etc.? Polizei angerufen, können nicht helfen. Supermarkt angerufen, nix gefunden. Umliegende Firmen angerufen, nix gefunden. Zum Glück war wenigstens mein Pass an einem anderen Ort gelagert. Ok, Problemlösung: Mein Kumpel hat mir norwegisches Bargeld gegeben. Sieht auf den ersten Blick nach Lösung aus.
Bargeld in Skandinavien, null Karten. Wer schon mal in Skandinavien war, weiß: Das ist ungefähr so hilfreich wie eine Regenjacke unter Wasser.
Selbst der Snack-Automat am Bahnsteig sagt mir, dass er eine App benötigt (damals hatte ich noch kein Datenroaming, viel zu teuer, keine Option), eine SMS (Jo klar, SMS im Ausland) oder eine Karte, die ich ja nicht mehr hatte. Das Bild vom Snackautomaten ist aus Stockholm, aber in Oslo war es genauso. In Oslo hab ich tatsächlich so gut wie keine Fotos gemacht. Ich war einfach völlig fertig und neben der Spur nach diesem Geldbeutelverlust.
Mein Kumpel ist von Oslo wie geplant nach Hause geflogen. Ich wollte eigentlich aber weiter nach Stockholm. Von so einem Mist lass ich mich doch nicht aufhalten. Natürlich hab ich mir fast ins Hemd gemacht vor Angst. Was wenn noch etwas schief geht? Andererseits: Wann komme ich nochmal hier her? Außerdem ist der Rückflug ja gebucht und zwar ab Stockholm. Also klar, trotz allem alleine weiter.
Stockholm: Kochbanane, Zimtschnecken, Pub und ein Flug, den ich fast zweimal verpasst hätte
In Stockholm war ich zunächst ein paar Tage bei einem Ghaner über Couchsurfing. Herzlichst aufgenommen, zum ersten Mal in meinem Leben Kochbanane gegessen. Sau lecker. Und nachdem ich jetzt offiziell „broke“ war so ohne Geldbeutel, war mir jedes geschenkte Essen mehr als recht. Dann ein paar Tage bei einem Pakistani, mit in den Pub wo man mit zwischenzeitlich umgetauschten Schwedischen Kronen bar zahlen konnte, tolle Stimmung. Genau diese Art von Abenden, die man nicht plant und nie vergisst. Zwischendurch bin ich mal an einem IKEA vorbei gelaufen. Die wollten Feierabend, hatten aber noch Essen, dass sie nicht wegwerfen wollten. Also haben sie es kostenlos (!) in der Fußgängerzone verschenkt. Mein Broke-Ich von damals konnte IKEA nicht genug danken für diese tolle Geste (war glaub 3x da und hab jedes Mal ne Zimtschnecke bekommen🥰).

Und dann: Abreisetag. Früh morgens. Ich bin kein Morgenmensch.
Am Flughafen Arlanda angekommen, Flug nach München, 33 Euro, Eurowings. Ich frage gefühlt zehn Mitarbeitende, ob ich am richtigen Gate bin. Alle sagen ja. Ich warte. Eine gute dreiviertel Stunde vor Abflug wird mir mulmig. Kein Mensch da. Ich frage nochmal jemanden.
„Von hier? Nein. Von hier fliegt gar nichts nach Deutschland. Falsches Terminal.“
Was folgt, lässt sich schwer in Worte fassen. Ich bin wie von Sinnen durch den Flughafen gerannt. Arlanda ist riesig. Nach gefühlten Stunden bin ich am richtigen Terminal angekommen, auf die Sicherheitskontrolle zugestürmt, fast festgenommen worden (bis ich die Situation erklären konnte), rein ins Gate und meinen Flieger gesehen. Durch das Fenster… Wie er von der Tür abdockt…
Zweiter Nervenzusammenbruch. Juhu!
Die teuerste Lösung für ein 33-Euro-Problem
Neuen Flug buchen. Morgen muss ich auf der Arbeit sein. Also: 600 Euro für den nächsten Flieger, aber direkt nach Stuttgart. Augen zu, Karte raus – Keine Karte. Die war im Geldbeutel. Im Straßengraben, in Tanumshede.
PayPal? Geht nicht. Öffentliches WLAN erfüllt die Sicherheitsvoraussetzungen nicht. Flughafenpersonal um Hilfe bitten? Dürfen nicht helfen. Bargeld um für einen Flug zu zahlen? Ha, ha, ha.
Zum Glück gibt es am Flughafen öffentliche PCs mit LAN-Anschluss. Dort habe ich gebucht. Es hat funktioniert. Aber: Ich sollte zurück an das Terminal, wo kein Flug nach Deutschland fliegt. Na sicherlich nicht! Ich hab wirklich JEDEN EINZELNEN MITARBEITENDEN gefragt, ob sie sich wirklich ernsthaft sicher sind, dass ich wieder an das Terminal zurück soll, an dem ich bereits umsonst gewartet habe. JA, soll ich. Ok, mein Vertrauen hielt sich in Grenzen AirBerlin nach Berlin, dann Umstieg und weiter Stuttgart. Endlich daheim.

Was war die Bilanz? Geldbeutel weg. Alle Karten weg. 600 Euro für den Ersatzflug weg. Und mein Rucksack? Den konnte ich bei dem Ersatzflug dann ja einchecken, bei den 600 Euro war Gepäck dabei. Na hätte ich das besser mal gelassen… Der war nicht mitgekommen. Er ist zwei Wochen später aufgetaucht. Frei Haus geliefert.
Der Rest war halt Pech. Dafür gabs einen schönen Sonnenuntergang zum Abschied.
Was ich mitgenommen habe: Erinnerungsdividende
Ich erzähle diese Geschichte immer noch gern. Nicht, weil es so schön war gleich 2x einen Nervenzusammenbruch zu haben, sondern weil es im Nachhinein eine total tolle Erinnerung ist. Ein Marokkaner mit dem besten Minztee der Welt. Ein Raketenwissenschaftler in Malmö. Eine Holländerin in Schweden mit einem holländischen Ferienhaus. Kochbanane zum ersten Mal. Pub-Abend mit einem Pakistani in Schweden. Bronzezeitliche Felsritzungen, die Jahrtausende überdauert haben. Zimtschnecken von Ikea, die mein Leben retteten. Insgesamt sau viel Pech und trotzdem das Beste draus gemacht. Wenn ich DAS überleben kann und mich aus SOLCHEN Problemen rausholen kann, was bitte auf der Welt kann mich dann überhaupt noch stoppen?
Und ja, ich habe 33 Euro für den Hinflug bezahlt. Den Rückflug, nun ja, eigentlich auch… Der hat halt leider etwas mehr gekostet. Mittlerweile sehe ich es als Investition in meine Erinnerungsdividende. Insgesamt war ich dann 3 Wochen unterwegs und hätte nur 1.200 Euro ausgegeben, was ziemlich günstig für so einen Road-Trip gewesen wäre. So sind es dann 1.800 Euro geworden… Das war übrigens die Zeit, in der ich aus Überzeugung noch keinen Notgroschen hatte.
Günstig reisen heißt nicht, dass nichts passiert. Es heißt nur, dass man hinterher bessere Geschichten hat, als wenn man „kein Geld“ als Ausrede fürs Daheimbleiben nimmt.
Wie war das bei dir? Hast du auch schon mal eine Reise erlebt, bei der du hinterher nicht sicher warst, ob du lachen oder weinen solltest? Schreib’s mir gern in die Kommentare.
